Schon seit fast einer halben Stunde drücken sich die Kinder an den Scheiben des „Kindernests Sternstunden“ an der DGD Fachklinik Haus Immanuel die Nasen platt. Draußen halten Erwachsene langweilige Reden. Und dann – endlich! Endlich öffnet sich die Tür und die Kleinen stürmen nach draußen. Denn auf dem Spielplatz oberhalb der Kita steht das 12 Meter lange Piratenschiff der Stiftung Kinderförderung von Playmobil, das dort nun dauerhaft Anker geworfen hat. Seit Freitag, 5. Dezember, ist es offiziell eröffnet.
Kurz mussten die Kinder sich jedoch noch gedulden. Denn zur Einweihung hatten sie eigens ein Lied einstudiert: Zur Melodie von „Alle meine Entchen“ sangen sie „Alle meine Piraten fahren übers Meer“. Kaum war die letzte Strophe verklungen, gab es aber kein Halten mehr: Der „Kindernest-Kutter“ wurde geentert, mit Wasserbomben getauft und das Schiff direkt auf Herz und Nieren geprüft.
Die Geduld der Kinder wurde aber nicht erst seit besagtem Freitag auf die Probe gestellt. Denn angeliefert wurde das Aktivschiff bereits eine gute Woche zuvor. Die spektakuläre Anlieferung am 24. November sorgte für Aufsehen: Bei Schneefall und winterlichen Straßenverhältnissen wurde das tonnenschwere Schiff über die engen Straßen des Ortes und einen steilen Hang bis zum Kita-Gelände transportiert. Dank der spontanen Hilfe eines Landwirts aus der Nachbarschaft, der den Anhänger mit Traktor zog und den Weg mit Kehrmaschine und Salz befahrbar machte, und vielen weiteren Unterstützern vor Ort konnte die Aktion erfolgreich abgeschlossen werden.
Ein echtes Abenteuer also – und von diesen werden die kleinen Piratinnen und Piraten auf dem „Kindernest-Kutter“ nun so einige erleben können. Aus diesem Grund war das Projekt für Klinikleiter Gotthard Lehner ein echter Herzenswunsch. „Es erweitert das pädagogische Konzept unseres Kindergartens und bietet für unsere Kinder zusätzliche Optionen. Für sie ist es einfach spielen – für uns eine wichtige Frühförderung“, so Lehner.
Das weiß auch Kerstin Binger, Leiterin des Kindernests: „Das Aktivschiff ist für unsere Kinder ein echtes Abenteuerland. Es eröffnet neue Möglichkeiten für Bewegung und gemeinsames Spiel – gerade in einer Zeit, in der viele Kinder zu wenig aktiv sind. Wir sind der Stiftung Kinderförderung von Playmobil sehr dankbar für diese Unterstützung“
Für Landrat Klaus Peter Söllner ist das Piratenschiff „eine unglaublich tolle Idee: Die Kinder werden ganz viel Spaß damit haben“, ist er sich sicher. Söllner bezeichnete Gotthard Lehner aufgrund seiner Hartnäckigkeit, wenn es um das Einwerben von Fördermitteln gehe, als „ein Phänomen. Ich habe mit ihm bereits seit Jahrzehnten zu tun – er ist die personifizierte Nervensäge“, sagte er mit einem Augenzwinkern. Lehner beweise „ein unglaubliches Engagement, setzt sich auf allen Ebenen für die Fachklinik ein – weil ihm das Wohl der Frauen und der Kinder unheimlich am Herzen liegt“. Die DGD Fachklinik Haus Immanuel „ist eine unglaubliche Bereicherung für unseren Landkreis“, so Söllner.
Der Erfolg der Hartnäckigkeit von Gotthard Lehner liegt auf der Hand: In den vergangenen fünf Jahren wurden gut 5,7 Millionen an Fördermitteln und Spenden eingeworben, ohne die weder das DGD Mutter-Kind-Zentrum noch die angeschlossene Kita realisiert worden wären. Nun kommt ein weiterer Betrag obendrauf: Zum Wert des „Kindernest-Kutters“ hüllt sich Florian Löffler, Vorstand der Stiftung Kinderförderung von Playmobil, zwar in Schweigen. Aber er sagt: „Die Investition war deutlich sechsstellig.“
Das Piratenschiff ist ein wichtiger Beitrag zur Förderung von Bewegung und Aktivität – gerade für die Kinder, die in der Einrichtung betreut werden. Als Begleitkinder suchtkranker Mütter haben sie besondere Bedürfnisse. Die Kita „Kindernest Sternstunden“ bietet ihnen einen geschützten Raum, in dem sie sich entfalten und ihre Fähigkeiten entwickeln können. „Mit dem Aktivschiff möchten wir Kindern einen Ort schenken, an dem sie sich frei bewegen, kreativ spielen und ihre Fantasie ausleben können. Bewegung ist ein Schlüssel für Gesundheit und Wohlbefinden – und genau das wollen wir fördern“, betont Löffler.
Das Projekt stand in den vergangenen Jahren mehrmals auf der Kippe. Das Gelände oberhalb der Kita war alles andere als ideal, letztlich auch zu klein. Doch Gotthard Lehner gab – dank seiner bereits erwähnten Beharrlichkeit – nicht auf: Insgesamt vier Planungsentwürfe brauchte es, zudem kaufte die Klinik einen Streifen des oberhalb des Grundstücks liegenden Waldes – und dann waren sich alle Projektbeteiligten einig: Nun kann es gelingen. Es gelang, und das Ergebnis wurde am Freitag feierlich unter dem Jubel der Kinder eingeweiht.
Hubertus Jaeger, Kaufmännischer Vorstand der DGD Stiftung, wunderte sich in seiner Rede, dass immer behauptet werde, „Oberfranken sei ein Binnenland. Das wird seit Jahrzehnten steif und fest behauptet – Gotthard Lehner straft dies nun Lügen, denn seit heute ist Hutschdorf maritim, hier heißt es ,Leinen los‘, wir stechen gemeinsam in See.“ Dank allen am Projekt Beteiligten, denen er von Herzen dankte, „dürfen unsere kleinen Freibeuter auf Schatzsuche gehen, Stürme überstehen und sich am Ende als mutige Piraten in ihrem Heimathafen feiern lassen. Was für eine wunderbare Idee, mit dem Piratenschiff die Fantasie unserer Kinder so zu beflügeln.“ Man solle die Kinder dazu ermutigen nie zu vergessen, dass „die besten Piraten ihre Schätze teilen. Nämlich Freundschaft, Mut und Zusammenhalt“. Und „Flottenadmiral“ Gotthard Lehner habe eine stolze Crew um sich versammelt, „die zusammenhält, die ihr Ziel kennt und die mit Mut und Kreativität Kurs auf das Wohl der Kinder und ihrer Mütter gesetzt hat“.
Das sei in der DGD Fachklinik Haus Immanuel in Hutschdorf immens wichtig. Sie ist eine Rehabilitationseinrichtung für Frauen mit Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit. Im angeschlossenen DGD Mutter-Kind-Zentrum Rückenwind werden Mütter nach abgeschlossener Entwöhnungsbehandlung gemeinsam mit ihren Kindern betreut. Die Kita „Kindernest Sternstunden“ bietet Platz für bis zu 28 Kinder in Krippen-, Kindergarten- und Hortgruppen.
Hans-Friedrich Hacker, Dritter Bürgermeister der Gemeinde Thurnau, erinnerte sich noch an die Gemeinderatssitzung, in der über den Wunsch von Gotthard Lehner beraten wurde, etwas Land zu kaufen, „um ein Spielzeugschiff aufzustellen. Ich war heute sehr überrascht, welche Dimensionen es hat“, sagte er lachend – und fügte in Richtung Florian Löffler hinzu: „Wir haben ja einen schönen See in Thurnau, aber nicht so ein tolles Schiff. Vielleicht kommen wir ja nochmal auf sie zu.“
Das Schlusswort gehörte Pfarrer Uwe Lorenzen. Er erinnerte vor dem bevorstehenden Nikolaustag daran, dass der Heilige Nikolaus ja auch der Schutzpatron der Seefahrer gewesen sei. Und der habe, so sei es überliefert, während eines schlimmen Sturms den Seeleuten am Schiff unter anderem durch Ermutigung und somit durch Hilfe zur Selbsthilfe geholfen habe. „Das ist ja auch genau der Ansatz, der hier in der therapeutischen Arbeit dieser selbstheilenden Wirkung vorausgeht“, so Lorenzen.


